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Das Kilometerbuch
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Die
letzen Wochen vor dem Tag X
Die
Phase vor dem Start: Herz und Kreislauf auf Touren
Der
Start: Anspannung bis in die Fingerspitzen
Der
erste Kilometer: Endlich geht es los!
Kilometer
2 bis 5: Das eigene Tempo finden
Kilometer
5 bis 10: Glückshormone sorgen für gute Stimmung
Kilometer
10 bis 15: Die Fettverbrennung läuft auf Hochtouren
Kilometer
15 bis 20: Das Immunsysten hat viel zu tun
Kilometer
20 bis 25: Es wird schwerer
Kilometer
25 bis 30: Am Tiefpunkt angelangt
Kilometer
30 bis 35: Mental geht's wieder bergauf
Kilometer
35 bis 40: Der Körper ist ausgelaugt
Kilometer
40 bis Ziel: Vorfreude trägt den Läufer ins Ziel
Die letzten
Wochen vor dem Tag X
Der
Weg zum Ziel beginnt natürlich schon mit der Vorbereitung. In den
letzten Wochen vor dem Start stellt sich der Körper auf die Belastungen
ein. Immun- und Nervensystem erholen sich vom Trainingsstress und
wappnen sich gegen Aggressoren aus der Umwelt. Auch der Bewegungsapparat
hat alle Trainingsattacken überstanden, sogar die 30 Kilometer und den
Halbmarathon. Nun ist er "geeicht" für die gut 42 Kilometer.
Der Fettstoffwechsel stabilisiert sich für die Energiebereitstellung
auf einem höheren Niveau.
In dieser Phase beginnt der Marathon im gesamten Denken und Handeln
einen immer größeren Raum einzunehmen. Spannung und Vorfreude breiten
sich aus. Selbstsicherheit und Selbstzweifel wechseln sich ab. Puls und
Atem beschleunigen sich schon bei dem bloßen Gedanken an den großen
Tag.
Die Phase vor
dem Start: Herz und Kreislauf auf Touren
Das
Stoffwechselsystem beginnt in der Vorstartphase einen Cocktail aus den
Stresshormonen Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol auszuschütten. Das
berühmte Kribbeln im Magen setzt ein und der Drang auf die Toilette zu
gehen, verstärkt sich. Doch auch die Euphorie setzt ein. Spannung und
Vorfreude der anderen Marathonis wirken ansteckend. Es läuft einem
eiskalt den Rücken herunter: Gänsehaut-Gefühl.
Gleichzeitig versetzt das Immunsystem die Gesundheitspolizei, d.h. die körpereigenen
Abwehrkräfte, in Alarmbereitschaft. Die meisten Läufer fühlen sich
nun plötzlich gar nicht mehr so locker. Herz und Kreislauf kommen auf
Touren.
Der Start:
Anspannung bis in die Fingerspitzen
Das
Immunsystems ist unmittelbar vor dem Startschuss in höchster
Alarmbereitschaft. Ganze Hundertschaften der körpereigenen Abwehrkräfte
sind mobilisiert. Auch die Nebennierenrinde
arbeitet auf vollen Touren: Die Stresshormone laufen einem "zu den
Ohren hinaus", man ist heiß auf den Start. Doch nicht nur mental
steigt die Spannung, auch die Muskeln spannen sich an, Herz und
Kreislauf sind ebenfalls hoch aktiv.
Der erste
Kilometer: Endlich geht es los!
Wenn die
Startlinie endlich überquert ist, überwiegt die Euphorie. Man ist tatsächlich
dabei und bekommt das Gefühl, dass alles wie von selber geht. Doch beim
Blick auf die Pulsuhr kommen auch schon die ersten Zweifel.
"Verdammt, warum ist der Puls gleich so hoch?" Auch die Beine
scheinen unmittelbar nach dem Start noch nicht recht zu wollen.
Unterdessen fängt der Stoffwechsel an zu "rödeln":
Energiereiche Phosphate werden in die Muskeln geschossen, Kohlenhydrate
werden verstärkt verbrannt. Allerdings weiß der Körper zu diesem
Zeitpunkt noch nicht so recht, wie er den Fettstoffwechsel besser nutzen
kann. Das Immunsystem errichtet in dieser Phase Sperren gegen radikale
Sauerstoffe auf. Diese formieren sich jetzt nämlich zum Angriff auf die
Gefäßinnenwände, Gelenkknorpel und Helferzellen der körpereigenen
Gesundheitspolizei.
Kilometer 2
bis 5: Das eigene Tempo finden
Während
im Innern des Körpers nun langsam die Schlacht beginnt, die
Sauerstoffradikale zum Angriff blasen, gewöhnt sich der Muskelapparat
allmählich an die Belastung. Alles läuft wie geschmiert. Auch der Puls
hat sich jetzt eingependelt, liegt mit 125 Schlägen auf Marschtabelle.
Die Atmung ist noch ruhig, regelmäßig und tief. Der
Kohlenhydratstoffwechsel ist ebenfalls gut in Schwung. Die
Energiebereitstellung ist auf Nachhaltigkeit und Dauer eingestellt, die Milchsäurebildung
pendelt sich bei unter zwei Millimol ein. Außerdem werden nun Co-Enzyme
freigesetzt, die auch den Fettstoffwechsel so richtig in Gang bringen.
Die Psyche ist immer noch auf Euphorie gepolt, die Zuschauer sorgen für
innere Begeisterung.
Doch einigen Läufern droht auch schon Gefahr, denn es schleicht sich
die Frage ein, ob man wirklich so langsam beginnen soll: "Ich werde
ja jetzt schon von einigen überholt, bald sind alle an mir
vorbeigezogen." Viele verschärfen jetzt das Tempo nach dem Motto:
"Später kann ich ja immer noch etwas reduzieren." Für das
Herz- Kreislaufsystem ist das höhere Tempo kein Problem. Auch wenn die
Pulsfrequenz jetzt auf 140 Schläge steigt, fühlt sich der Körper fit.
Alarmzustand herrscht allerdings im Stoffwechselsystem: "Hey, der
Typ läuft doch viel zu schnell und heizt schon so über die Strecke,
dass wir mit dem Schippen kaum nachkommen." Wenn das so weiter
geht, sind bei Kilometer fünf schon 20 Prozent der Kohlenhydratreserven
verbrannt. Der Laktatwert
steigt auch schon auf drei Millimol an. Die Fettverbrennung kommt so gar
nicht richtig auf Trab.
Kilometer 5
bis 10: Glückshormone sorgen für gute Stimmung
Die
Begeisterung der Läufer hält an. Die jubelnden Menschen am Straßenrand
tun ihr übriges. Jene, die sich bis jetzt an die Marschtabelle gehalten
haben, erreichen den so genannten Flow-Zustand,
ihnen wachsen jetzt förmlich Flügel. Das Herz- Kreislaufsystem ist bei
diesen Marathonis in einem super Zustand. Die Steigerung auf 70 Prozent
der Leistungsfähigkeit und 135 Puls kann wie geplant bei Kilometer zehn
vollzogen werden. Bei den Übermütigen liegt der Puls dagegen jetzt
schon bei 149. Die Atmung ist regelmäßig, noch tief aber beschleunigt.
Doch der euphorisierte Zustand trübt die richtige Wahrnehmung.
"Hab ich doch gleich gewusst, dass ich schneller laufen kann!"
Stoffwechsel und Hormonsystem sind beim vernünftigen Läufer zufrieden.
Die Stresshormone haben sich verzogen, Endorphin, Serontonin und Dopamin
machen gute Stimmung. Gleichzeitig ist der Kampf der Angreifer gegen die
Gesundheitspolizei in vollem Gange. Letztere behält die Oberhand, da
sie deutlich in der Überzahl ist. Der Bewegungsapparat warnt
unterdessen davor, die Arme zu verkrampfen. Leicht und locker sollten
sie in Laufrichtung schwingen. Möglicherweise macht sich ein Zwicken in
der Wade bemerkbar, auf das man aufpassen muss. Jetzt lockerer und
"leise" laufen, um die Stöße geringer zu laufen.
Kilometer 10
bis 15: Die Fettverbrennung läuft auf Hochtouren
Für alle Marathonis,
die sich das Rennen von Anfang an richtig eingeteilt haben, will der
Flow-Zustand nicht aufhören. Auch die Intensitätserhöhung hat
geklappt, es scheint genau das Richtige zu sein, jetzt noch mit Puls 135
zu laufen. Auch die Atmung bleibt stabil. Das Stoffwechsel- und
Hormonsystem ist mit sich zufrieden: Der Fettstoffwechsel ist so gut
bedient worden, dass er jetzt schon an die 40 Prozent der
Gesamtenergiemenge produziert. So können die Kohlenhydrate noch weiter
eingespart und dann zum Ende hin verfeuert werden. Der Laktatwert
liegt jetzt bei etwas über zwei Millimol. Die bösen krankmachenden
Fette (LDL, VLDL) werden in die Schranken verwiesen, die guten
Fette (HDL2, HDL3) werden dagegen erhöht. Im Immunsystem herrscht
zunächst einmal Ruhe. Doch die Aggressoren bereiten bereits den nächsten
Angriff auf die Gesundheitspolizei vor, der bei Kilometer 20 oder später
zu erwarten ist. Der Bewegungsapparat erwartet unterdessen, dass man
sich nicht hängen lässt, sich wieder aufrichtet und die Arme
mitschwingen lässt. Auch das Problem mit der Wade ist so besser in den
Griff zu kriegen.
Wer das Rennen zu schnell angegangen ist, bekommt jetzt die ersten
Schwierigkeiten. Man merkt die Anstrengung, fühlt sich aber zu diesem
Zeitpunkt noch fit für die restliche Strecke. Der Puls liegt inzwischen
bei 150 Schlägen. Die Atmung ist regelmäßig, noch tief, aber deutlich
beschleunigt. Es scheint so, als hätte man schon eine "knallrote
Birne". So langsam tauchen auch die Stresshormone wieder auf und
versuchen, die guten Fette zu zerkleinern. Unter diesen Bedingungen
entscheiden sich die "Killerzellen" für einen früheren
Angriff auf das Immunsystem.
Kilometer 15
bis 20: Das Immunsysten hat viel zu tun
Der
Stoffwechsel ist in vollem Gang: Durch eine optimale Fettverbrennung erhält
der Körper Energie zum Durchhalten. Nach wie vor werden gut 40 Prozent
des gesamten Energiebedarfs über den Fettstoffwechsel erledigt. Der Laktatwert
liegt noch unter 2 mmol. Auch das Immunsystem hat jede Menge zu tun: der
Zuwachs an Aggressoren scheint ins Unermessliche zu steigen.
Wichtig ist es jetzt, bis in die Fingerspitzen locker zu bleiben. So
wird der "Vortrieb" unterstützt und Energie gespart. Mit den
Armen sollte zur Beinarbeit in Laufrichtung mitgeschwungen werden.
Gelassene Läufer haben in dieser Phase einen stabilen Puls von 138 Schlägen
pro Minute. Die Atmung ist leicht beschleunigt, aber tief und regelmäßig.
Sie fühlen sich gut und überholen Läufer, die vorher an ihnen
vorbeigeeilt sind. Wer von Anfang an schnell gelaufen ist, steigert
seinen Puls jetzt auf bis zu 155/min - viel höher darf er auch nicht
steigen.
Kilometer 20
bis 25: Es wird schwerer
Alles im Limit: Der Laktatwert
liegt bei 2 mmol, das ist ideal für die Fettstoffwechselverbrennung.
Aber auch die Kohlenhydratreserven reichen noch aus, um Energie zu
liefern und die Co-Enzyme
zu bilden.
Doch der Bewegungsapparat signalisiert Erschöpfung: Die meisten Läufer
fühlen sich ein wenig steif und die Muskeln schmerzen. Gerade jetzt ist
es wichtig, locker zu bleiben. Eine geplante Tempoerhöhung sollte
lieber verschoben werden. Optimal ist ein Puls von 138, das sind 70
Prozent der aeroben Leistungsfähigkeit. Einige Läufer kommen jetzt so
richtig ins Straucheln. Sie kämpfen sich Meter um Meter vor.
Kilometer 25
bis 30: Am Tiefpunkt angelangt
Jetzt wird es
richtig schwer. Die Beine wollen nicht mehr so wie der Läufer, alles
tut weh. Wer bis jetzt ökonomisch gelaufen ist, hat immer noch
Kohlenhydrate zur Verbrennung und ist versorgt mit dem Co-Enzym
A. Kleine Versorgungslücken lassen sich schnell wieder beheben. Der
Puls steigt nun ein wenig an und pendelt sich um 142 Schläge ein. Die
Atmung bleibt stabil.
Wer bis jetzt zu schnell gelaufen ist, hat seine Kohlenhydrate nun
nahezu komplett aufgebraucht. Der Fettstoffwechsel kann nur noch
unzureichend Energie liefern. Das Immunsystem gibt auf: Helferzellen
werden weiter vernichtet, die Gesundheitspolizei steht auf verlorenem
Posten. Die Aggressoren vermehren sich. Der Puls jagt auf 160 und
signalisiert, langsamer zu laufen.
Auch die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt angelangt. Selbst routinierte
Marathonis knicken ein wenig ein. Andere beginnen an sich und dem ganzen
Vorhaben zu zweifeln. Allein der Gedanke an den nächsten
Verpflegungsstand lässt sie weiterlaufen.
Kilometer 30
bis 35: Mental geht's wieder bergauf
Uff, das Schlimmste
ist vorbei. Mental geht es jetzt wieder bergauf. Wenn alles optimal läuft,
befindet sich der Fettstoffwechsel auf Hochtouren. Der
Kohlehydratstoffwechsel wird weiter geschont. Und das ist fürs
Durchhalten enorm wichtig. Wenn der Fettstoffwechsel nicht ökonomisch
arbeitet, werden erstmals auch Eiweiße als Energielieferanten
herangezogen. Das Immunsystem arbeitet dann auch nicht mehr optimal.
Immunologen sprechen vom "Open Window Phänomen".
Umherfliegende Bakterien und Viren haben nun ein leichtes Spiel, den
geschwächten Körper anzugreifen.
Locker bleiben: Schultern hängen lassen, mit den Armen mitschwingen,
die Beine weich aufsetzen und im Laufrythmus bleiben.
Wenn der Puls auf 150 Schläge pro Minute steigt, ist das vollkommen
okay. Höher sollte er allerdings nicht klettern. Die Leistungsfähigkeit
liegt nun bei 75 Prozent. Wer sich mehr zumutet, wird es kaum schaffen,
in ordentlicher Verfassung ins Ziel einzulaufen.
Kilometer 35
bis 40: Der Körper ist ausgelaugt
Wenn alles gut läuft,
liegt der Laktatwert
jetzt bei 5 mmol; wenn nicht, ist er bereits bei 7 mmol angelangt. Die
Atmung wird dann eng und enger. Jetzt bloß nicht das letzte aus sich
herausholen. Es ist enorm wichtig, weiterhin ökonomisch zu laufen.
Beine und Rücken sehnen nun so langsam das Ziel herbei, in den Hüften
tritt häufig ein diffuser Schmerz auf. Gerade jetzt ist die richtige
Lauftechnik wichtig. Auch das Immunsystem ist lädiert. Die Gefahr, sich
einen Infekt einzufangen, ist jetzt am größten. Die Atemarbeit wird
anstrengender, der Puls steigt auf leicht über 150 Schläge pro Minute.
Wenn der Puls auf 165 zurast, muß das Tempo gedrosselt werden. Der Puls
muss auf etwa 150 runter. Wer bis jetzt ökonomisch gelaufen ist, ist
mental gut drauf. Ansonsten werden die letzten Kilometer regelrecht zur
Qual.
Kilometer 40
bis Ziel: Vorfreude trägt den Läufer ins Ziel
Der
Bewegungsapparat ist arg strapaziert. Gelenke, Knorpel und Sehnen sind
stark gereizt. Auch das Stoffwechsel- und Hormonsystem ist ordentlich
gebeutelt. Der Laktatwert liegt bei über 7 mmol. Eine Gänsehaut jagt
die nächste. Wichtig ist es, auf den letzten 1.000 Metern nicht
aufzudrehen. Der Puls darf nicht über 165 Schläge/min steigen. Die
Atmung wird auf die letzten Meter noch einmal schneller, der Herzschlag
hüpft jetzt vor Vorfreude. Im ungünstigsten Fall liegt der Laktatwert
nun bei über 9 mmol. Der ph-Wert liegt im sauren Milieu. Der Körper
hat jede Menge Stresshormone ausgeschüttet und die guten
Fette sind von den schlechten verdrängt worden. Trotzdem macht sich
Euphorie breit. Das Ziel ist zum Greifen nah. Glücksgefühle und
Schmerzen überfluten den Körper. Die Vorfreude auf Entspannung,
Erholung und eine ordentliche Massage trägt den Läufer ins Ziel.
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Vom Jogging zum Marathon
Läufer
Der Weg [ 42,195 km ] ist das Ziel !
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