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Mythos Marathon
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Vom antiken Boten zum Massenspektakel
Wie
der Marathon zu seinem Namen kam
Der Marathon wird olympisch
Der erste Marathonsieger lief
"nur" 40 Kilometer
Das Drama um Dorando Pietri
Boston - Der erste
City-Marathon
Marathon für Jedermann
Der Lange Weg der Frauen
Am Anfang steht eine Legende. Die Legende eines
Laufes, der mit dem Tod des erschöpften Läufers endet. Auf
diesem historischen Mythos basiert heute, über zwei Jahrtausende
später das Massenspektakel Marathon. Und das, obwohl die
Historiker heute fast sicher sind, dass dieser erste
"Marathonlauf" in der Antike gar nicht stattgefunden
hat. Dennoch ist im Rückgriff auf diese Legende vor 105 Jahren
die Disziplin Marathon als Bestandteil des modernen Sports
"erfunden" worden.
Im September 490 v. Chr. stand auf der Küstenebene
bei Marathon westlich von Athen ein zahlenmäßig deutlich überlegenes
Heer der Perser den Streitkräften Athens gegenüber. Dennoch
gingen die Soldaten der attischen Demokratie als Sieger aus dieser
Schlacht hervor. So weit ist die Geschichte unumstritten. Was dann
folgt, ist allerdings mehr Dichtung als Wahrheit: Der Legende nach
schickte der siegreiche Feldherr Miltiades nach dem Kampf einen
Boten ins knapp 40 Kilometer entfernte Athen, um der Stadt möglichst
schnell den glorreichen Triumph zu verkünden. Die Botschaft
konnte der ausgelaugte Bote noch überbringen, danach aber brach
er zusammen und starb.
Diese Heldengeschichte verdankt die Welt dem griechischen
Historiker Plutarch, der die offensichtliche Faktenarmut über den
glorreichen Sieg der Athener knapp 560 Jahre danach mit dieser
Anekdote anreicherte. Ein Mann namens Eucles war laut Plutarch der
Vorläufer der heutigen Marathonis. Dass heute hingegen ein
gewisser Pheidippides als erster "Marathonläufer" gilt,
ist eine Legende innerhalb der Legende. Danach ist jener
Pheidippides nämlich eine Art Ultramarathon-Mann der Antike.
Wenige Tage vor der entscheidenden Schlacht soll er mit einem
Hilfegesuch Athens ins knapp 250 Kilometer entfernte Sparta
gejoggt sein.
Dass dieser Bote danach auch noch die
Nachricht des Sieges vom Schlachtfeld in Marathon nach Athen
getragen haben soll, muss als "romantische Erfindung"
bezeichnet werden. Überhaupt hat das Zeitalter der Romantik in
Europa einen großen Anteil an der Entstehung des modernen
Marathons. Der griechische Unabhängigkeitskampf gegen die Türken
im Jahre 1832 sorgte für eine wahre Sympathiewelle bei den
Romantikern, die sich in diesem Zusammenhang natürlich auch an
den Sieg gegen die persischen Eindringlinge in der Antike
inklusive des Botenlaufs erinnerten.
Es ist daher kaum verwunderlich, dass ausgerechnet ein Spezialist
für griechische Mythologie die Idee hatte, einen Lauf von
Marathon nach Athen ins Programm der ersten Olympischen Spiele der
Neuzeit aufzunehmen. Der Franzose Michel Breal machte den
Vorschlag auf der ersten Sitzung des Internationalen Olympischen
Kongresses 1884.
Zwei
Jahre später war es dann soweit. Am 10. April 1896 um 13.56 Uhr
startete im Örtchen Marathon der erste offizielle Marathonlauf in
der Geschichte des Sports. Der griechische Schafhirte Spiridon
Louis erreichte nach 2:58:50 Stunden als erster der 18 mutigen
Teilnehmer den Zielstrich im Panathenischen Stadion in Athen.
Die Strecke des ersten Marathons der Geschichte betrug allerdings
nicht die heute üblichen 42,195 Kilometer, sondern
"nur" knapp 40 Kilometer. Erst 28 Jahre später, nach
den Olympischen Spielen von Paris, wurde die heutige
Marathondistanz endgültig festgelegt. Davor galten alle Straßenläufe,
die um die 40 Kilometer lang waren als Marathon. Die heute gültige
Streckenlänge wurde allerdings bereits erstmals bei den
Olympischen Spielen 1908 in London gelaufen.
"Verantwortlich" dafür war das englische Königshaus.
Denn vom Schloss Windsor bis zur königlichen Loge im Wembley
Stadion waren es exakt 42,195 Kilometer.
Der
olympische Marathonlauf von London ist allerdings nicht zuerst
wegen seiner Distanz in die Annalen der Sportgeschichte
eingegangen. Es war das dramatische Finale, das nicht nur dieses
Rennen, sondern auch die junge Disziplin überhaupt in aller Welt
bekannt machte: Exakt 355 Meter waren es noch bis zum Ziel, als
Dorando Pietri nach zwei Stunden und 45 Minuten ins Wembley
Stadion einlief. Doch für die letzte Runde benötigte der
Italiener sage und schreibe 9:46 Minuten!
Fünf Mal brach er zusammen, blieb auf dem Boden liegen, um sich
mit letzter Kraft doch noch einmal aufzurappeln. Nach dem letzten
Sturz kurz vor der Ziellinie konnten es zwei britische Helfer
nicht mehr mit ansehen und stützen den völlig ausgelaugten
Pietri. Aufgrund dieser unerlaubten Hilfeleistung, wurde der
tragische Held schließlich disqualifiziert. Zum Olympiasieger
wurde der 22-jährige Amerikaner John Hayes erklärt, der als
Zweiter ins Stadion gelaufen kam.
Das Drama von London inspirierte
amerikanische Sportvermarkter dazu in der Folgezeit einige
Revancheläufe zwischen Hayes und Pietri zu veranstalten. Und
damit der Zweikampf auch tatsächlich den olympischen Marathon in
der britischen Hauptstadt simulierte, musste die Strecke natürlich
exakt die gleiche Länge haben. So setzten sich die 42,195
Kilometer allmählich als die Marathondistanz durch, die schließlich
1924 offiziell fest geschrieben wurde.
Die nachgestellten Olympiaduelle zwischen Pietri und Hayes lösten
zwar einen wahren "Marathon-Wahn" in den USA aus, waren
allerdings nicht die ersten Rennen ihrer Art in den USA. Bereits
am 19. April 1897, also fast exakt ein Jahr nach dem ersten
olympischen Marathon von Athen, feierte der Boston-Marathon seine
Premiere. Das traditionsreiche Rennen muss somit als der Vorläufer
jener Citymarathons gelten, die heute weltweit veranstaltet
werden.
Zu Beginn der Marathongeschichte waren die Läufe nur einer Hand
voll Asketen vorbehalten, die nach Ansicht einiger Funktionäre
allerdings eher in die Irrenanstalt als auf die Straße gehörten
(So zumindest urteilte der damalige Chef des US-Sportverbandes
American Athletic Union (AAU) über die 15 Teilnehmer des ersten
Boston-Marathons). Aufhalten konnte das die Entwicklung des
Marathons jedoch nicht.
Im Gegenteil: Mit dem Aufkommen der Jogging-Bewegung in den USA in
den sechziger und siebziger Jahren entwickelte sich der Lauf über
die mystische Distanz zum Breitensportspektakel. Der
New-York-City-Marathon, erstmals 1970 veranstaltet, war Vorreiter
für diese Entwicklung zur Massenveranstaltung. Mit ein wenig
Verspätung schwappte dann nicht nur die Joggingwelle nach Europa,
sondern auch die City-Marathon-Veranstaltungen für Jedermann. In
Deutschland feierte der Berlin-Marathon 1974 seine Premiere.
Dort durften schon beim ersten Mal
Frauen teilnehmen. Lange Zeit war den Sportlerinnen zuvor jedoch
die Teilnahme an Marathonläufen verwehrt geblieben. Schon in der
Vorbereitung auf die ersten Olympischen Spiele in Athen liefen
zwei Frauen die besagte Strecke von Marathon nach Athen, wurden
jedoch zum offiziellen olympischen Rennen nicht zugelassen. Die
Griechin Stamathia Rovithi benötigte etwas über fünf Stunden,
ihre Landsfrau Melpomene hatte die Strecke sogar in nur
viereinhalb Stunden zurückgelegt. Doch die Funktionäre kümmerte
das wenig. Sie beharrten auf ihrem Standpunkt, ein Marathon sei zu
anstrengend für Frauen.
Dieses Vorurteil überdauerte zumindest in olympischen Kreisen
noch fast 100 Jahre. Erst 1984 in Los Angeles durfte sich die
US-Amerikanerin Joan Benoit mit einer Zeit von 2:24:52 Stunden als
erste Marathon-Olympiasiegerin in die Geschichtsbücher eintragen
lassen. Am traditionsreichen Boston-Marathon nahmen Frauen da
schon seit zwölf Jahren teil. Die Veranstalter des City-Marathons
ließen 1972 erstmals Läuferinnen starten, allerdings erst auf
jahrelangen, massiven öffentlichen Druck hin.
Die Diskussion hatte die Läuferin Kathy Switzer ausgelöst. Die
damals 20 Jahre alte Amerikanerin hatte 1967 das Startverbot
ausgehebelt, in dem sie sich nur mit ihren Initialen als K.V.
Switzer für den Boston-Marathon angemeldet hatte. Während des
Rennens bemerkte einer der Offiziellen den "Schwindel"
und versuchte, Switzer von der Straße zu drängen. Die Bilder
dieser Groteske gingen um die Welt. Die anschließenden Proteste führten
wenige Jahre später dazu, dass auch Frauen zu Marathonis werden
konnten. Und das ganz "legal".
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Vom Jogging zum Marathon
Läufer
Der Weg [ 42,195 km ] ist das Ziel !
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